Warum ich Angst habe

Die Böhsen Onkelz klangen schief und populistisch, was an ihnen oder den unglaublich schlechten Boxen lag, die von der Decke des Bauwagens in den Raum ragten. Wir tranken Asbach-Cola und rauchten tschechische Zigaretten, während unsere Mofas vor dem Bauwagen von der Freiheit zeugten, die wir glaubten mit dem Erwerb der Fahrerlaubnis bekommen zu haben. Fünfzehn Jungs zwischen 15 und 17, die glaubten, die Welt müsse ihnen zu Füßen liegen, die glaubten, dieser Planet habe nur auf ihre Ankunft gewartet. Alte, ekelhafte Sofas standen an den Wänden, in denen sich Unmengen von Mäusen durch die Isolierung fraßen. Der Holzofen im Eck glühte rot und strahlte Wärme aus, die die kalte, feuchte Oktoberluft aus dem Raum trieb. Hunderte von Zigaretten sowie nasses, brennendes Holz ersetzten die Nebelmaschine und der Rauch brannte in den Augen. Es war der Herbst nach dem Sommer, in dem das Schulsystem uns ausspucken wollte, uns aber nicht loswurde. Mit 16 den Hauptschulabschluss gemacht, wollten die meisten nun arbeiten, als Zimmermann, Schreiner oder Maurer ihr Geld verdienen, damit man sich dann gleich mit 18 einen Golf kaufen konnte. In Wirklichkeit aber bekam kaum einer eine Lehrstelle. Die Schulbänke wurden weiter gedrückt und während ich noch meine Mittlere Reife machte, versauerten die meisten anderen in Berufsgrundschuljahren und Kolping-Klassen. Wir waren der letzte große Jahrgang und Deutschland in der Krise, die Schröder gerade mit Hartz IV und der Agenda 2010 versuchte abzuwenden. Aus Zukunftsangst wurde Hoffnungslosigkeit und der Wunsch nach Veränderung wurde genährt vom Traum, endlich Geld zu verdienen. 

Irgendwer ging zu dem Discman, der an der Anlage unseres selbstgebauten Jugendraumes hing, und legte „Bomberpilot“ auf. Es war der Reiz des Verbotenen der dieses alte Lied der Onkelz so interessant machte, so als könnte jeden Moment die Polizei den Bauwagen stürmen und mit Maschinengewehren um sich schießend diese illegale Versammlung auflösen. Auf der gleichen CD war auch Landser, die von „Weißem Rock’n’Roll“ sangen und von „Afrika für Affen“. Das schlechte Gewissen schlich sich von Kopf bis Fuß in meinen Körper und ließ mich nach draußen gehen. Als ich den verrauchten und stickigen Raum verließ, drang Sauerstoff in meine Lungen und trieb den Alkohol ins Gehirn. Mir wurde schwindlig und die Pizza von Stunden zuvor suchte sich ihren Weg über die Speiseröhre nach oben. Ich kotzte Asbach-Cola-Pizza-Magensäure hinaus in die neblige Nacht und während mir Brocken von halbverdauter Salami in der Nase hingen, fühlte ich mich elend, widerlich und schlecht. Ich beschloss nach Hause zu gehen, stolperte dabei über einen leeren Bierkasten und fiel in den Schlamm aus Regenwasser und der Pisse des Abends. Langsam stand ich wieder auf und wackelte schlammverschmiert und nach Kotze, Urin und Rauch stinkend nach Hause. Ich war am Boden und geistig und körperlich gefickt vom Alkohol und den Nazianwandlungen meiner Freunde. Freunde, die ich seit dem Kindergarten hatte, die mal richtig waren und mal falsch, aber sich jetzt in eine ganz falsche Richtung drehten. Viele glaubten wirklich, es wären die „Türken“ und die „Russen“, wegen denen sie keinen Ausbildungsplatz bekamen. Dass sie selbst die Hauptschule kaum geschafft hatten, blendenden sie dabei aus. Es war 2003 und in Bayern war es wieder schick, rechts zu sein. Sich beim Bäcker einen „kleinen Hitler“ wünschen, „der mal ein bisschen aufräumt“, war kein Problem, sondern wurde mit „ja, so kann es ja nicht weitergehen“-Floskeln abgetan als würde man über das Wetter sprechen.  

Als Kind hatte ich ein Buch, das „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ hieß. Mein Vater hat es mit mir gelesen und mir so die Grausamkeiten der Nazis schon früh vor Augen geführt. Im Fernsehen sah man Bilder von Auschwitz und Dachau, von Gefangenen, die nur noch Haut und Knochen waren, von Leichen und von Gaskammern. Wir haben alle „Der Soldat James Ryan“ gesehen und „Schindlers Liste“ und trotzdem glaubten Menschen plötzlich, rechtes Gedankengut sei eine ganz normale politische Meinung. Während die Politik den „Aufstand der Anständigen“ forderte, begannen ich und einige andere uns abzugrenzen und dabei „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten zu unserer offiziellen Hymne zu machen. Der Bauwagen wurde den Rechten überlassen und wir besetzten die Bushaltestelle. Die Jahre vergingen, der Bauwagen ist abgebrannt und all die Jungs aus dem Bauwagen sind heute CSU-Stammwähler. Die Wirtschaft kam in Schwung und Deutschland gab ein Fest mit dem Motto „zu Gast bei Freunden“. 

Wir schreiben das Jahr 2015 und sind reicher als je zuvor. Es gibt Arbeit für jeden und wir haben so viel Geld, dass wir bei dem Bau von Philharmonien und Flughäfen einfach drei-, viermal von vorne anfangen können. Trotzdem sehe ich wieder, ähnlich wie 2003, dass die gleichen Menschen wie damals nationalistische Parolen einfach so wie ganz normale Small-Talk-Sätze in Gespräche einbauen. Die Themen haben sich geändert; es sind nicht mehr die „Türken“ und „Russen“, sondern die „Ayslanten“, die nur unser Geld wollen und „massenhaft Asylmissbrauch“ betreiben. „Die kommen, bekommen erst mal ein iPhone und dann passt ihnen ihre Unterkunft nicht. Alle zurück ins Flugzeug und abwerfen über dem Dschungel.“ Genau dieser Satz wurde mir gestern von einem Kollegen entgegengeschmettert, während Brandanschläge auf Asylbewerbeheime verübt werden und der erste Kommentar bei Facebook unter dem Bericht darüber ganz offen und mit vollem Namen weitere Anschläge fordert. Was anders ist als 2003? Die Politik versucht nicht, es zu bremsen, sondern befeuert es noch. Mit widerlichen, populistischen Naziaussagen geht die Regierungspartei CSU auf Jagd nach den Stimmen von genau diesen Leuten, während die Kanzlerin alles ignoriert und weiter apathisch wie auf Morphium vor sich hinregiert. Sie haben nichts gelernt. Nichts von 1933 bis 1945. Nichts von Rostock-Lichtenhagen und nichts von dem Nazihoch zu Beginn der 2000er Jahre. Das ist, warum ich Angst habe und warum ich wieder entschlossen bin, mich abzugrenzen von jeder faschistoiden Idee. Denn wenn dieses Land seine Menschlichkeit endgültig verliert, dann liegt es an dir und an mir für sie zu kämpfen. 

Advertisements

5 Gedanken zu „Warum ich Angst habe

  1. Peter Papst sagt:

    Ein wirklich interessanter Artikel, Herr Sonderbayer. Und nett geschrieben ist er auch. Ich finde es auch absolut richtig, dass es Menschen in Deutschland gibt, die sich dem vermeintlich rechten Flügel, oder wie viele behaupten „den Nazis“ entgegen stellen. Ob diese Menschen, die dort protestieren und darüber hinaus auch noch Straftaten begehen, wirklich alles Nazis sind, oder aber ob sich unter ihnen nicht auch wirklich nicht doch ein paar besorgte Bürger tummeln, kann ich nicht beurteilen. Ich gehöre nicht zu denen.
    Ich gehöre aber auch nicht zu denen, die weit entfernt von diesen Brennpunkten wohnen, und von dort aus die jenigen, die etwas gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik sagen, pauschal als Nazis abstempeln. Ich bezweifle auch, dass derartiges Verhalten irgendjemanden in seiner Überzeugung oder in seinen Ängsten erreicht oder gar verändern kann. Es wäre meiner Meinung nach wichtiger, das Problem oder deren Ängste an sich anzugehen. Muss man wirklich in ein 2.000 Seelen-Dorf Hunderte Flüchtlinge einquartieren? Wir hatten bei uns im Norden vor vielen Jahren die gleich Situation mit Russen, Türken und Albanern. Auch hier wurden kleine Städte und Gemeinden als neue Heimat für Vertriebene etc. ausgewählt. Das Ergebnis ist: diese leben in dritter Generation immer noch isoliert in ganzen Stadtteilen unter sich. Besonders die älteren (40 +) können weder unsere Sprache, noch kennen oder akzeptieren Sie unsere Kultur. Das sich hier Reibungspunkte entwickeln, ist wohl verständlich. Nur sind daran nicht die Ausländer, sondern wir Deutschen Schuld. Wir waren es, die diese (ich übertreibe jetzt mal absichtlich) Ghettos gebaut haben, und so ein „Miteinander“ im Keim erstickten. Ich verwende dafür gerne ein Beispiel mit einem Wellensittich: einer alleine, mit dem man sich beschäftigt, kann in kurzer Zeit „sprechen“. Sind die Vögel zu zweit, zwitschern sie nur in Ihrer Sprache.
    Menschen aus einer anderen Kultur zu Hunderten in ein Dorf zu sperren hat nichts mit Integration zu tun, das nennt man schlicht Isolation. Und da ich die Folgen davon bereits gesehen habe, kann ich die Ängste dieser Menschen verstehen (was aber nicht alle Taten derer rechtfertigt).
    Vielleicht sollten wir alle mehr an einer getechten und sinnvollen Lösung arbeiten, als nur über das Intetnet mit dem Finger auf unsere Mitmenschen zeigen.
    Zum Schluss noch eine Banalität, welche mich aber doch etwas an Ihrer Geschichte stört. Sie haben Recht, es gibt einen braunen Fleck auf der Weste der Onkelz. Das Beispiel dafür haben Sie sogar genannt. Ich finde es allerdings dennoch extrem ermüdend, dass jeder, der diesen Bandnamen schon mal gehört hat, bei jeder Gelegenheit mit den Nazis in Verbindung bringt. Wie war das bei Ihnen? Sie hörten diese Musik auch? Nicht das illegale, sondern mehr „auf gute Freunde“ usw? Soll ich Sie deshalb als ehemaligen Nazi bezeichnen? Ganz sicher nicht. Deshalb geben Sie doch auch diesen Leuten mal die Chance, vergangenes hinter sich zu lassen. Und wenn Sie jetzt grad tief Luft holen, und dagegen etwas sagen wollen, bitte bitte, lesen Sie sich vorher mal die Bandgeschichte und auch die wirklichen Fakten zu diesem Kapitel der Onkelz durch.
    Ansonsten, wie schon gesagt, ein schöner Artikel.

    • sonderbayer sagt:

      Vielen Dank für das Lob. Wenn, wie zum Beispiel Gestern Abend in Sachsen, die NPD aufmarschiert um den Einzug von Flüchtlingen in Asylbewerbeheime zu verhindern, dann macht mir das Angst. Die Parolen „Wie Deutschland den Deutschen“ sind ganz eindeutig Rechts und nicht Akzeptabel. Noch mehr Angst macht mir aber, dass Regierungungsparteien diesen Hass schüren; Stichwort „Massenhafter Asylmissbrauch“, und die Kanzlerin sich in keinser Weiße zu diesen Ausschreitungen äußert sondern einfach so tut als wäre alles im Lot. Darum geht es mir und das sind meine Gedanken.

      Zu den Onkelz möchte ich sagen, dass ich wohl jedes Lied von ihnen schon mal gehört habe. Da die Band ihre Hochzeit in meiner Jugend hatte. Ich kenne ihre Geschichte und auch die Versuche sich von Rechtem Gedankengut abzugrenzen. „Deutschland im Herbst“ ist da zu nennen. Die Band mag sich verändert haben und später lieber über MTV und Jesus gesungen haben. Ich muss jedoch leider sagen, dass in meiner Heimat jedes Jahr das große Onkelz Festival GOND stattfindet und Reichsflaggen, Eisernekreuze und eben auch Landser-T-Shirts sind dort keine Seltenheit. Ich habe auch schon zu „Auf gute Freunde“ und „Mexiko“ getanzt, aber diese Band hatten eben auch viele Fans die sehr Braun sind.

  2. guiterrorist sagt:

    Der „braune Fleck“ (Danke Herr Papst) der Onkelz ist eine kurze Geschichte aus dem letzten Jahrtausend. In der Zwischenzeit sind alle Nazis hochkant aus den Konzertsälen der Onkelz geflogen, die Band hat sich stets und immer wieder klar von der braunen Soße distanziert.

    Die Massenmedien verhalten sich dabei wie ein Kampfhund der sich festgebissen hat.
    Interessiert keine Sau was die Zündler schreiben.

    Die GOND ist ein Sammelbecken für Fans die deutschen Rock und damit die Band lieben und damit leider auch für „Fans“ die deutschnational denken. Die GOND wird *nicht von den Onkelz veranstaltet*, allenthalben treten einzelne Mitglieder kurz auf.
    Eiserne Kreuze und Reichsflaggen sind zweifelhaft, jedoch kein eindeutiges Indiz fuer Nationalismus / Faschismus. Ein Gegenbeispiel: Lemmy Kilmister (MOTÖRHEAD).

    Alles andere was Du schreibst, lieber Sonderbayer, gefällt mir sehr. Mach so weiter!

  3. janhschmidt96 sagt:

    Ein aktualisierter Text zu der Problematik würde mich sehr freuen. Lange nichts mehr von dir gehört!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: