Berlin Alexanderplatz 

Die Ringbahn macht mich wahnsinnig, ist sie doch ein Sinnbild für Unpünktlichkeit und Lärm wie sie da ratternd rund um den Kern von Berlin tuckert. Trotzdem ist sie das einzige Fortbewegungsmittel, das mich zu unserem Treffpunkt bringen kann. In der Bahn treiben sich abgehalfterte Gestalten rum, die mich mustern, anschnorren und mir Angst machen. Ich stecke einem heruntergekommenen Obdachlosen Mitte zwanzig etwas zu und verlasse die Bahn an meiner Haltestelle. Der Geruch von Urin und Bauarbeiten steigt mir in die Nase – der Geruch von Berlin. Ich ignoriere jedoch alle äußeren Einflüsse und wende mich meiner Verabredung zu. Matthias steht dort am Bahnsteig unter einer Werbetafel für Zigaretten und sucht mit seinen Blicken die Fahrgäste nach mir ab. Ich stehe etwa zwanzig Meter links von ihm und beobachte ihn dabei. Wenn er sich konzentriert, zieht er seine Oberlippe in Richtung Nase, was seinen Bart nach oben drückt. Seine Gesichtszüge erinnern dann an die eines Oktopuses, finde ich; damit dürfte ich aber alleine sein. 

Ich beobachte seinen konzentrierten Blick, bewundere seinen gut sitzenden Anzug und bin verliebt in seine Schönheit, seinen Intellekt, sein Verständnis für die Liebe und die Kunst. Er hat mich entdeckt und kommt auf mich zu. Ich breite meine Arme zur Begrüßung aus und rufe seinen Namen. 

Sein Schritt ist entschlossen. Für Außenstehende mag er arrogant wirken, doch wer ihn so kennt wie ich, weiß, es ist nur seine Unsicherheit, die er mit Überheblichkeit zu überspielen versucht. Dabei ist seine zerbrechliche Seite doch die beste: All die Melancholie und die Gedankengänge seines klugen Kopfes, die ihn zu einem zynischen Optimisten machen, eine Kombination, die nur Berlin hervorbringen kann. Zwischen all dem Weltschmerz, der Hoffnungslosigkeit und dem tristen Grau des Alltags mit schwarzem Humor eine Brücke zu besseren Zeiten bauen zu wollen mag zum Scheitern verurteilt sein, doch es ist so viel schöner als in schlechten Gedanken zu versinken. Ich umarme Matthias und drücke ihm einen Kuss auf den Mund. Sein Bart juckt auf meinem Gesicht und lässt mich lächeln.
»Alex«, sagt er leise.
»Matthias«, antworte ich.
»Ekelhaft«, sagt ein unbeteiligter Mann neben uns, als er Matthias und mich bei unserem Begrüßungskuss beobachtet. 

Es war Matthias, der mich dazu ermunterte meine Homosexualität nicht zu unterdrücken, sondern offen zu ihr zu stehen. All die Tränen, die Ängste und die Ignoranz meiner Familie sind vergessen, wenn Matthias mich küsst, wenn er neben mir im Bett liegt, wenn er neben mir einschläft mit seiner Brille auf der Nase und einem Buch im Gesicht, weil er nie weiß, wann es Zeit ist das Buch zur Seite zu legen. Solange wir uns umarmen, fallen Blicke auf uns, wird uns Verachtung zuteil. Als Matthias mich loslässt und neben mir schlendert, fallen wir nicht weiter auf. Nur zwei Männer, die nebeneinander hergehen und in der anonymen Masse einer Weltstadt verschwinden. 

Wir steigen in eine Straßenbahn und setzen uns nebeneinander. Matthias erzählt von Problemen bei seiner Arbeit. Ich studiere seine Lippen, höre seine Worte, doch verstehe nicht, was er sagt. Das Gespräch rauscht an mir vorbei wie die Häuser am Straßenrand, die im dreckigen Grau nach etwas Farbe rufen. Als wir den Alexanderplatz erreichen, ist es dunkel geworden, sodass die Reklamen einen blenden und man fast blind durch die Menge gedrückt wird. Vor dem Kaufhaus auf der anderen Straßenseite haben sich Demonstranten versammelt, die stumpfe Parolen in den Nachthimmel brüllen. Polizisten trennen Demonstranten und Gegendemonstranten unter lautem Geschrei. Es ist das Paradoxe an der Demokratie, dass man jede Meinung verkünden und auch dafür demonstrieren kann, die Demokratie abzuschaffen. Nationalsozialisten, die vom festen, törlichen Glauben getragen werden, etwas Besseres zu sein, versuchen die Absperrung der Polizei zu durchbrechen. Als erste Schüsse fallen, haben wir den Alexanderplatz wieder verlassen und biegen in eine kleine Nebenstraße ein. Nun, da wir wieder fast alleine sind, gibt mir Matthias einen kleinen, flüchtigen Kuss auf die Wange und lächelt mich an. 

»Mach dir keine Sorgen«, sagt er, »die Nazis werden nicht an die Macht kommen. Die meisten Menschen sind zu individuell, um als Teil einer stumpfen Masse glücklich zu werden.«
»Ich hoffe, du hast Recht«, antworte ich und habe mich schon wieder verliebt in Sätze wie diesen. So klug, so nachdenklich, so verschwitzt. 

Wir betreten unsere Stammkneipe und bestellen ein Bier. Igor, der Russe hinter dem Tresen, zapft schnell und gekonnt. Zu den beiden Bieren bekommen wir beide einen Wodka und Matthias bestellt ein frisches Brot mit Butter und Schinken. Das Brot ist noch warm, die Butter weich, der Schinken dünn und würzig. Alles ist perfekt, vergessen die Ängste vor der Zukunft, der Schwulenhass und die Fremdenfeindlichkeit. Der Mensch hat sich immer weiter entwickelt und aus seinen Fehlern gelernt. Das wird er auch jetzt tun. Mein Blick fällt auf die Zeitung neben mir. Die Schlagzeile berichtet von Problemen an der Börse. Ganz oben rechts steht das Datum: 23.10.1929. 

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Ein Gedanke zu „Berlin Alexanderplatz 

  1. zentakel sagt:

    Krasser Text, wie immer, Bayer. Danke dafür.

    Hab’s mal auf https://zentakel.info/sonntagsbayer/ rebloggt. Hoffe, das geht klar.

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