Ertrunken in Freiheit

Ich drehe mir eine Zigarette und blicke dabei auf meine Finger, die von Tag zu Tag, von Woche zu Woche und von Monat zu Monat immer gelber werden. Ich rauche zu viel und sollte mal wieder aufhören, denke ich, als ich sie anstecke. Früher habe ich wochenlang nicht geraucht, nicht getrunken und nicht gelitten. Ich lief durch den Wald und stemmte Gewichte, um auszusehen wie es uns Fußballprofis, Topmodels und Schauspieler zeigten. Mein Bier schmeckt schal und ein bisschen nach Pisse, was es mich wegexen und ein neues aufreißen lässt. Ich schüttle mich, stehe auf und stoße mir den Kopf an der Lampe über dem Tisch. Seit Jahren nehme ich mir vor, diese Lampe umzuhängen. Ich habe es nie getan. Meine Wohnung sieht aus als würde ein abgefuckter Blogger hier wohnen: Überall liegen leere Bierflaschen, löchrige Unterhosen und leere Lasagneschalen. Vielleicht ist meine Bude ein Kunstwerk, ein Abgesang auf die aufgeräumte IKEA-Welt. Wahrscheinlich aber bin ich einfach nur asozial.

Früher war ich Biograf einer Generation auf der Suche nach Freiheit, Liebe und billigem Kokain aus Hustensaft. Alles, was sie fand, waren karierte Hemden von C&A, zu große Fielmann-Brillen und Geschlechtskrankheiten. Du schreibst einen ironischen Text über Beziehungen und wie sehr Frauen doch bei dir im Mittelpunkt stehen, zumindest bei der Bukkakeparty jeden Donnerstag, und alles, was du erreichst, sind tausend Klicks, neun Likes und ein Tittenbild als Privatnachricht. Hey geil, ich werde reich. 

Ich stehe auf und gehe zum Kühlschrank, um mir eine Wurst zu nehmen. Käsekrainer schmecken nur gut, wenn man sie warm macht. Ich beiße in die kalte Wurst und erbreche mich in die Spüle. Hätte ich mal lieber auf die Veganerblogs gehört. Seit Ewigkeiten kann ich kaum mehr Essen bei mir behalten. Scheiß auf den Mist. Ich gehe ins Badezimmer und sehe mich selbst im Spiegel. Ich bin alt geworden, faltig und eklig. Damals, als die Mädels mich noch liebten, war ich hübsch, weil ich ungepflegt wirkte mit den zu langen Haaren und dem wilden Bart. Heute, wo ich wirklich ungepflegt bin, gibt es keine Mädchen mehr. Als ich mir schon wieder eine Zigarette drehe, muss ich an damals denken. Als wir in Berlin feiern waren. Burgerladen, Spätis und beschissene Grafittis. Die Illusion von Freiheit, weil man McDonalds mied und sein Bier nicht bei der Jet-Tankstelle kaufte. Im Großen und Ganzen war das auch nur Opium einer linken Generation im antikapitalistischen Möchtegernwahn.

Alle sind sie dann nach Berlin gezogen und wurden Künstler. Hey, schreib doch mal einen Blog über das Leben in der Hauptstadt, über Drogen unter dem Brandenburger Tor und die Einsamkeit unter 6 Millionen. Dann schreib ein Buch über lustige Begegnungen in der U-Bahn. Schreib was Witziges, irgendwas über Ausländer oder dicke Frauen, über Drogensüchtige oder Spätzle am Prenzlauerberg. Schreib doch mal über alternative Weihnachtsmärkte, auf denen womöglich lesbische Frauen Körnerkissen verkaufen. Und ganz wichtig: Erwähn ihre Achselhaare. 

Viele Jahre sind vergangen und die Burgerrevolutionäre von damals sind die Yuppies von Heute. Aus Bloggern wurden Springer-Redakteure und junge Startups gehören heute zu Aktiengesellschaften, die dich ganz aus Versehen reich gemacht haben. Ich kann nichts für meinen Reichtum. Ich bin Zuckerberg 3.0. Verkauf deine Werte und ernähr deine Kinder. Kauf deiner Frau neue Titten und deiner Freundin einen goldenen Dildo. Sei glücklich mit deinem Geld und lass mich in Frieden. Ich stolpere über meine eigenen Beine und falle auf die Fresse. 

Hätte ich mich mal verkauft. 

FJS Sonderbayer, ertrunken in seiner Freiheit, 11.12.2025

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Ein Gedanke zu „Ertrunken in Freiheit

  1. Wortzauberin sagt:

    Hat was von Buckowski 😉

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