Von meiner Kaffeemaschine

An diesem Samstag Morgen wollte ich die Teflon Schicht abstreifen die ich mir in den letzten Monaten angelegt hatte. Alles prallte an mir ab wie Olivenöl an Wasser, Zugunglück, Flüchtlingskrise und Rechtsrutsch nahm ich nur am Rande war und die dazugehörigen Handyvideos kenne ich nur aus Links die ich nie anklickte. Ich war gestresst, überarbeitet und erkältet doch jetzt nahm ich mir vor wieder locker, lässig und cool zu werden.

Kurz nach dem erwachen war ich schon wieder genervt, da ich eine Anspielung in einer Kurzgeschichte von J. D. Salinger auf einen Text von Hemingway nicht verstehe. „Ich habe alles von Hemingway gelesen und nur weil er Sie, lieber J. D. Salinger als ´talentiert`bezeichnetet, müssen Sie jetzt nicht Ihre Leser ärgern mit Anspielungen die niemand versteht. Sie Ein-Roman-Autor, Sie ewiges Talent, Sie Mitschuldiger am Mord an John Lennon, Sie kauziger Kasperl der sich hinter hohen Mauern versteckte bis Sie starben. Ich möchte ihnen ihre tote Fresse polieren bis Sie zugeben, dass Sie die Anspielung auf Hemingway frei erfunden haben.“ schimpfte ich während ich mir Kaffee aufsetzte und danach in das Bad stolperte. Überall liegen dreckige Klamotten und Relikt aus der Zeit als ich noch Hobbys hatte. Ein BMX Rad steht halb auseinander gebaut zwischen Ski und einer Schachtel mit DVDs die ich wohl nie wieder schauen werde. Was habe ich mir nur dabei gedacht die komplette Serie Dr. House zu kaufen?

Als ich aus dem Bad zurückkomme teilt mein iPad mir mit, dass ich über Nacht 22 neue Emails bekommen habe. Eine Teilte mir mit, dass auf Ello nichts passiert ist, die anderen 21 waren Vorschläge zu Dingen die ich kaufen könnte. Noch mehr Plunder der sich sicher wohl füllen würde zwischen BMX Felgen und Dr. House. Ich schalte das Tablet aus, dieses zu groß geratene Handy, dieses Teil ohne Funktion und Nutzen, das, man aber trotzdem braucht wie Crystal Meth nach dem ersten Zug. Apple ist der Dealer, wir sind degenerierten Konsumenten, die nur nach der nächsten Nase unnützem Elektroschrott lechzen. Während ich die Zeitung aufschlage und endlich beginnen will meinen guten Teflonschicht Vorsatz umzusetzen, frage ich mich was eigentlich meine Kaffeemaschine so treibt. „Nichts“ ist nämlich die Antwort, die mir so gar nicht gefällt, normalerweise zischt das koffeinhaltige Erweckungsgetränk wie eine Luftballon bei dem man die Luft aus lässt durch Wasserleitungen, Kaffeefilter und landet schließlich, laut plätschernd, Dramaqueen mässig, in der dafür vorgesehen Kanne. Doch auch als ich meiner Kaffeemaschine freundschaftlich au den Wasserbehälter klopfe, auch als ich sie ausstecke und wieder ein, das Ergebnis blieb immer das gleiche: „Nichts“

„Ich werde eine neue Kaffeemaschine brauchen“, stellte ich fest und freute mich ein bisschen tatsächlich etwas kaufen zu können, was ich auch brauche. Voller Tatendrang zog ich ich mich an und folgte dem Ruf der Samstagvormittagwildnis, der jagt nach Einkäufen, dem Kampf um den besten Parkplatz und der Versuch einen Einkaufswagen ohne blockierendes Vorderrad zu bekommen. Was nun zählt sind nur zwei Dinge: Überleben und eine Kaffeemaschine nach Hause bringen. Die Jagdtrophäe des kleinen Mannes, das erlegte Mammut der Generation Y. Bevor ich aber übermütig wurde erinnerte ich mich daran, dass ich erkältet bin und zog mich warm an wie Islandtouristen. Mit Mütze, Schal und Handschuhe sehe ich aus wie ein zu alter Grundschüler. Ist okay. Bin ich ja auch.

Es hat geschneit an diesem Samstag im Februar und wie ich so mit meinen Turnschuhen über den Schneeschlamm Media Markt Parkplatz stapfe bekomme ich kalte Füsse während ich unter meiner Mütze und dem Schal schwitze. Also beeile ich mich in den Kaffeemaschinen Markt zu kommen. Hier wartet sie, meine Freundin, mein allmorgendlicher Koffeinschub, mein Kaffee Blow Job, meine Geliebte für die nächsten Jahre. In dem Elektronik Markt herrscht Krieg zwischen all den Smartphone Junkies und Männern Mitte 40 die glauben einen neuen Fernseher zu brauchen bin ich der einzige der auf der jagt nach einer Kaffeemaschinen ist und so finde ich mich alleine wieder im Regal mit den Smoothie Mixern, Toastern und den Kaffeevollautomaten für 1700€ wieder. Fasziniert starre ich auf den Preis. 1700€. Ich kenne offenbar Menschen, die sie Kaffeemaschine für über tausend Euro gekauft haben. Jetzt wird mir auch klar warum jeder Mensch mit Vollautomat, das ständig erwähnen muss. „Wir haben ja zu Hause einen Vollautomaten…“, „Also, seitdem ich einen Vollautomaten habe kann ich diesen normalen Kaffee…“ oder „Ich trinke nur noch Cappuccino, mit einem Vollautomaten ist das einfach ganz was anders…“ und andere Schreie nach Aufmerksamkeit hatte ich bisher ignoriert, da ich ja nicht wusste, das, diese sonderbaren Anwandlungen über seine Kaffeemaschine zu sprechen, aus dem Drang heraus entstehen musste, zu zeigen, dass man sich eine Kaffeemaschine im Wert eines Karibikurlaubs leisten kann. In Zukunft würde ich definitiv meinen wissenden Blick aufsetzen und Dinge wie „Gut ist der Kaffee schon, aber wenn die Maschinen nicht so teuer währen…“ sagen und damit anerkennen, dass mein Gegenüber besser liegt in der Geldnahrungskette, in den Single Charts des kleinen Bürohengstes, auf Mittelstand Champions League Kurs so zu sagen.

Mir ist nun endgültig zu warm also beschließe ich meine Schal im Hape Kerkeling Style links und rechts von mir baumeln zu lassen und meine Mütze wie ein Durschnittsidiot über den Ohren zu tragen. So verkleidet als der Fernsehe Moderator Schlumpf frage ich einen Verkäufer, der nicht rechtzeitig ausweichen konnte:
„Wo sind den hier die bezahlbaren Kaffeemaschinen?“
„Also hä, wenn man es sich Wert ist würde ich einen Vollautomaten empfehlen.“
„Ich bin es mir aber nicht Wert.“ antworte ich mit Exorzisten Blick dem Verkäufer der offenbar überlegt zu erwähnen, dass er seit er einen Vollautomaten hat nur noch Zuhause Kaffee trinken kann, es dann aber doch sein lässt, als er meinen von Erkältung und Menschhass getränkten Blick sieht.
„Da drüben.“
Ist die kurzangebunden Antwort. Am Ende der Halle, zwischen Boxen für VW Golf mit „Freiwild“-Aufklebern und der „PUR-Live“-DVD stosse ich zu erst auf meine ganz bestimmten Freunde: Kapselmaschinen. Was für eine unglaubliche Idee zu Plastik gepresstes Erdöl, das diesen Planeten auf Millionen von Jahren erhalten bleibt, mit Aluminum, dass in der Herstellung soviel Energie benötigt wie tausend YouTuber beim Schmink-Tutorial-Wettfönen, mit schlechtem Kaffee, überteuert zu verkaufen. Ich versuche mit aller mir möglichen Arroganz, und meiner Mütze über den Ohren, diese Kapselmaschinen mit Verachtung zu Strafen und lege allen Hass den ich noch übrig habe über diese Kaffeenazis, auf diese Koffein AfD.

Es gibt eine einzige Kaffeemaschine die ist was ich will: Eine Maschine in die man Kaffee und Wasser gibt und die diese beiden Komponenten zu einem waren Getränk vermischt. Ich schnappe mir sie und fliehe aus dem Laden der mir das Gefühl gibt eben doch „blöd“ zu sein weil ich hier kaufe.

Vor dem Elektronik Riesen ist eine Bäckerei ich habe einen leisen verdacht woher all der Hass kommen könnte und so bestelle ich mir dort „einen Kaffee“.
„Groß? Klein? Wollen sie keinen Cappuccino? Wir haben einen Vollautomaten! To Go?“
„Nein. Einfach nur einen Kaffee sage ich. Zum hier trinken.“
„Zum hier trinken“, wiederhole ich leise. Hätte man vor zwanzig Jahren auch nicht gesagt. „Zum hier trinken“. Die Bäckereifachverkäuferin gibt mir trotzdem nur einen Pappbecher.
„Ich habe gleich Schichtwechsel und keine Zeit mehr auch noch ihr Geschirr zu spülen.“ Begründet sie diese Entscheidung recht pragmatisch und mit einer Art die keine Widerspruch duldet. Früher dachte ich, gab es Kaffee. Heute gibt es Kaffee aus Vollautomaten, Kaffee aus Kapseln, Kaffee zum Mitnehmen und das alles als Cappuccino, Latte macchiato und Espresso. Früher hatte man noch Zeit um Kaffee zu trinken und musste ihm nicht erst noch die halbe Stadt zeigen. Früher konnte man da sitzen Kaffee trinken ohne das einem Spiegel Online auf das Smartphone schickte was schon wieder für ein dreckiger Scheiß in dieser Welt passiert ist. Früher gab es keine Handvideos von Unglücken, kein Facebook bei dem man die sieht aus was für Rechten Arschgesichtern dieses Land besteht. Früher, dachte ich während ich meinen Kaffee trank und meine Mütze langsam abnahm, da die Leute mich komisch anschauten, früher brauchte man keine Teflon Schicht um sich zu schützen. Heute Schon.

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