Moral ist eine billige Edelnutte

Es ist die größte Herausforderung für Christian, sein tragbares Telefon auszuschalten. Obwohl er es will, bringt er es einfach nicht übers Herz, sich so einfach von der Außenwelt abzuschneiden. Schon wieder prüft er Twitter, zieht noch einmal den blauen Vogel nach unten und erwartet irgendwas, einen Witz, ein paar Titten oder einen Terroranschlag in einem dieser Länder, die man nur von Spiegel Online kennt. Irgendwas halt, was man als Erster weiß, als Erster sieht. Etwas, das einem ein Gefühl von Erhabenheit der restlichen Welt gegenüber gibt, weil man mehr weiß, weil man klüger ist, witziger und weil man Titten beurteilen kann wie römische Kaiser Sklaven in der Arena. Daumen nach oben bedeutet Leben, Daumen nach unten Tod. Ein Like bedeutet du bist hübsch, ein ausbleibender wenigstens Desinteresse. Doch wieder wird Christian enttäuscht. Auch auf Facebook bewegt sich nichts, Instagram ist längst tot, sein Emailpostfach wie leergefegt, nur auf Snapchat sieht er kurz die Brüste einer 16-Jährigen. Was soll’s? Christian erhebt sich von dem roten Ledersofa und blickt nach oben. Im Osten geht langsam die Sonne auf und taucht das Meer in ein Orange, das kein Fotofilter jemals so schön zeigen könnte. Die Yacht, auf der Christian sich befindet, steuert genau darauf zu. Am Bug steht eine junge Dame, nur in einem dünnen Sommerkleid und mit Champagnerglas in der Hand, und beobachtet von der aufgehenden Sonne orange gefärbte Wellen dabei, wie sie von der Yacht geteilt werden. Für Christian ist die Frau nur eine Schattengestallt, ein Kontrast zur Sonne, ein wunderschöner Blickfänger. Nun zückt er doch wieder sein Handy und fotografiert die Schönheit des Moments, um sich sofort von ihm abzuwenden. Das Bild muss in die Welt hinaus. Ein zynischer Kommentar darunter für Twitter, ein witziger bei Facebook und gar keiner bei Instagram. So ist es. So muss es sein. Als Christian seinen Kopf wieder hebt, ist die Sonne ganz aufgegangen. Sein Bild hat keine Likes. Es ist vier Uhr morgens in Mitteleuropa.

Das Mädchen am Bug dreht sich um und lächelt Christian an.
Wie heißt die jetzt nochmal? fragt Christian sich, bevor er zurück lächelt.
Die Nacht war verrückt und diese Frau ein Wildfang eben jener Nacht. Sie war eine Nutte, eine Stripperin, ein erfolgloses Model oder eine dieser Frauen, deren Job es ist, reiche Männer zu ficken. Wahrscheinlich alles auf einmal. So vermutet es zumindest Christian, der noch nicht mit ihr gesprochen hat. Sie war Stefans Fang.
Gleich ist sie da und er weiß ihren Namen noch immer nicht.
»Hey«, sagt er und versucht noch ein bisschen mehr zu lächeln.
Hoffentlich sieht sie die Falten auf meiner Stirn nicht, denkt Christian, während er seine Blick von ihren Brüsten zu ihren Augen wendet. Offenbar wusste auch sie seinen Namen nicht oder das NuttenModelWasauchimmer-Mädchen war sich der Situation bewusst, denn sie stellte sich mit »Hi, ich bin Stella« vor. Nutte. Eindeutig, denkt Christian, um im selben Atemzug »Christian, freut mich« zu sagen.

Neben dem roten Sofa steht noch eine halb volle Flasche Champagner, mit der Christian Stella und sich nachschenkt. Würde nur das Koks von Gesten Abend noch wirken, denkt er währenddessen. Auf Koks lassen sich leicht kleine Gespräche führen. Mühelos lässt sich der Paarungstanz mit Worten aufführen. Doch jetzt, wieder fast nüchtern und etwas müde, legt sich peinliches Schweigen wie eine Glasglocke über die beiden.
»Wahnsinn wie schnell es hell geworden ist«, versucht es nun Stella.
»Ja.« Christian nickt ihr zu und wieder wandert sein Blick in Richtung ihrer Brüste.
»Wo sind eigentlich Stefan und Anna?«
»Anna heißt die?«, fragt nun Stella.
Es ist schon komisch, dass man sich morgens um vier vor der Küste Zyperns erst mal die Namen erläutern muss, weil man sich Stunden vorher auf einer Party kennengelernt hat, aber auf Koks Namen nur Schall und Rauch sind.
Anna ist sowas wie Christians Freundin. Zumindest schläft sie in seinem Bett, lutscht an seinem Penis und lebt von seinem Geld. Doch irgendwann, das weiß Anna, das weiß Christian, wird ein anderer Mann mit mehr Geld, mehr Macht und mehr Kontakten kommen und die Beziehung vorbei sein – wie diese Partynacht.

Das Schweigen der beiden wird unterbrochen, als plötzlich die Maschinen stoppen. Es ist ein großes Geheimnis der Akustik, wie Ruhe durch das Fernbleiben eines Geräusches beendet werden kann, aber es funktioniert auch in diesem Fall. Natürlich, Stefan steuert dieses Boot. Stefan muss auf der Brücke sein oder am Steuer, wie auch immer man das Lenkrad einer Yacht nennt.
»Komm, wir schauen nach den anderen«, sagt Christian, während er Stella an der linken und die Champagnerflasche in die andere Hand nimmt. An den steilen Stufen die Treppe hinauf erkennt Christian, dass er keineswegs nüchtern ist. Die aufputschende Wirkung des Kokains mag gefühlt verflogen sein, aber allein dass er nicht müde wurde, zeigt schon, dass es eben nicht so ist. Christian lässt Stella den Vortritt, um unumwunden ihren Hintern dabei beobachten zu können, wie er bei jeder Treppenstufe dem physikalischem Gesetz der Trägheit der Masse folgend von links nach rechts wackelt. Auf Koks könnte er sie ewig ficken, das weiß er. Vielleicht sollte er nachlegen. Stefan hat sicher noch etwas.

Stefan ist Christians Geschäftspartner. Die beiden haben gemeinsam studiert, gemeinsam ein Unternehmen gegründet und sie sind mit einer Internetseite, die Seitensprünge ermöglicht, auch gemeinsam reich geworden. Frauen und Männer können sich dort registrieren, finden, schnellen Sex haben und dann wieder in ihr langweiliges Spießerleben mit Volvos und Biobrötchen zurückkehren. Ihr Spießerleben mit einem Bier jeden Abend, aber keinen Rausch, weil Räusche dem Ehepartner nicht gefallen. Freifick.de organisiert auch die Geschichte dazu und das Außenrum. Sie organisieren einen schwarzen Geschäftswagen, gefahren von einem eloquenten , freundlichen angeblichen Kollegen, der am Sonntagabend den Familienvater zu einem Geschäftstermin abholt und ihn auch am Dienstag, übernächtigt von dem angeblichen Flug nach Kopenhagen, wieder zu Hause abliefert. Dass er den kompletten Montag damit verbracht hat, einer Nutte für tausend Euro den Arsch zu versohlen, weiß die Frau nicht und sie wird es auch nie erfahren. Diskretion ist alles. Das Unternehmen macht das meiste Geschäft in Deutschland, der Sitz ist auf Zypern, der Server auf den Malediven und das Geld irgendwo in der Karibik. Kein Ehepartner, der fremdgeht, hat jemals nach einer Quittung für die Steuer gefragt und so kam es, dass Christian und Stefan Millionen in der Tasche haben, die sie verkoksen, verficken, versaufen und verprassen müssen, weil sie legal nicht wieder in das Unternehmen kommen können. Blöde Situation.

Christian und Stella betreten die Brücke. An Annas Blick kann Christian erkennen, dass sie nicht besonders gern gesehene Gäste sind. Es kann schon sein, denkt Christian bei sich, dass Anna vorhat, ihn gegen Stefan zu tauschen. Stefan ist der deutlich bessere Geschäftsmann; Christian jedoch hatte die Idee und so kam es zu einem klassischen 50:50-Deal, von dem Christian aber in manchen traurigen Momenten weiß, dass er eigentlich nicht gerecht ist. Scheiß drauf. Stefan stellt noch irgendwas an den Knöpfen des Bootes um, von denen Christian keine Ahnung hat. Wahrscheinlich wirft er den Anker oder so. Als er sich umdreht, brüllt er: »Time for Party, Baby!« und klatscht dabei lautstark in die Hände. Stefans Hüftschwung sitzt, seine Sonnenbrille sowieso schon die ganze Nacht und die Frisur liegt besser als ein Formel1-Wagen in der Kurve. Man könnte Stefan als klassischen Frauenhelden bezeichnen, gefallen aus einer Zeit in der Dieter Bohlen noch ein Frauenheld war. Seine Haut ist nach zwei Jahren auf Zypern dauerhaft braun wie die der Einheimischen, während Christian für immer so blass bleibt wie Fürth in der Bundesliga. Stefan spricht immer irgendwas zwischen Englisch und Deutsch, trägt zu enge Hosen und hat die Nase immer voll Kokain. Christian kennt seinen Kollegen lange genug, um zu wissen, was er sich unter einer »Party« vorstellt und so beobachtet er eine Minute später, wie sich erst Anna und dann Stefan über das weiße Pulver beugen, und so beobachtet er auch, wie Stella ablehnt.
Okay, denkt sich Christian und zieht auch keine Line von dem Stoff, obwohl er gerne würde, obwohl er das Kitzeln in seiner Nase vermisst und obwohl sein Geist laut nach einem Euphorieschub schreit. Stattdessen bleibt er standhaft und zündet sich lieber eine Zigarette an. Stella lächelt und nimmt ihm die Schachtel aus der Hand, um sich auch eine zu anzustecken. So ist das halt. Es war eine stille Abmachung, dass Anna nun bei Stefan und Stella bei Christian bleibt.

Christian und Stella sitzen wieder auf dem roten Sofa und blicken auf das Meer, das frühmorgendlich ruhig und friedlich vor ihnen liegt. Christian erzählt davon, wie es war, die erste Million zu machen, während Stella auf das Meer blickt und raucht. Sie raucht wie ein Cowboy, säuft wie ein Pirat und ist doch niedlich schüchtern wie eine Disneyfigur. Christian redet nun einfach. Er hat sich wieder in diese Phase des Rausches gesoffen, in der die Zunge locker und das sexuelle Verlangen allzu laut hier schreit. Immer wieder hört man Anna auf der Brücke direkt über ihnen stöhnen. Natürlich ist Stefan schneller zum Zug gekommen. Wie immer ist er einfach eine Nasenlänge voraus.

»Das Bild von dir hat 100 Herzen bei Twitter und 300 Daumen nach oben bei Facebook bekommen«, sagt Christian, während er auf sein Smartphone blickt. Langsam erwacht die digitale Welt und während sie sich die Zähne putzt, teilt sie die Höhepunkte der Nacht mit ihren Freunden. Anscheinend hat irgendeine Tennisspielerin ihren Freund verlassen, während Bomben auf Syrien fliegen und die Türkei Kurdistan bombardiert. Doch hier im Mittelmeer, wo die Sonne langsam beginnt auf der Haut zu brennen, ist das alles so furchtbar weit entfernt.

Als Christian von seinem Telefon aufblickt, lächelt ihn Stella an. Er drückt schnell bei einer Anzeige, die ihm verspricht, dass er einen iMac gewinnen kann, auf »Gefällt mir «und küsst sie dann. Ihre Lippen sind weich und ihr Atem so verraucht wie eine ganze Hafenkneipe. Der erste Griff geht an ihre festen Brüste, der zweite an den Arsch. Ihr Kleid hat nicht zu viel versprochen und damit ist Christian der zufriedenste Mensch der Welt.

Stella sitzt vor Christian und hat gerade den Mund voll, als für beide überraschend Anna und Stefan vor ihnen stehen, wobei »stehen« bei Stefan doppeldeutig gemeint ist. Anna ist komplett nackt, während Stefan noch Socken und seine Go Pro mit einem Stirnband auf dem Kopf befestigt trägt. Er ist völlig auf Koks und nimmt sich, was er will. So schlägt er Stella auf den Hintern, spuckt sich selbst in die Hand, bestreicht seinen Penis mit seiner Spucke und dringt in Stella ein. Diese hält kurz inne, bis Stefan ganz eindringen kann. Dann beschäftigt sie sich weiter mit Christian, ruhig und präzise wie ein Postbeamte. Definitiv ein Profi, glaubt Christian nun endgültig zu wissen und lehnt sich zurück.

Christian hat nur Boxershorts an, während Stefan sich komplett ausgezogen hat und nun auch keine Kopfkamera mehr trägt. Die vier sitzen am Frühstückstisch und essen Rührei, das Anna gemacht und versalzen hat. Die Eier sind kaum essbar und machen Stella nur noch durstiger. Sie ist inzwischen dazu übergegangen, direkt aus der Flasche zu trinken, während Christian sich ein Bier gönnt und Anna völlig apathisch ins Leere starrt. Stefan lässt das Video, das er gerade mit seiner Kopfkamera aufgenommen hat, ablaufen, während er abwechselnd einen Bissen von seinem Ei und einen Schluck von einer Wodkaflasche nimmt, die vor ihm auf dem Tisch steht. Offenbar gefällt ihm, was er sieht, denn als auf Video zu sehen ist, wie er in Stella eindringt, drückt er eben jene nach unten und lässt es sich wieder besorgen. Christian blickt irritiert auf das, was da vor sich geht: Auf einen riesigen Flachbildschirm, der in Full HD den Penis von Stefan in Stella zeigt und vor dem Fernseher ein Frühstückstisch mit demselben Glied zwischen Spiegeleiern, Wodka und Koks in Stellas Mund. Christian widmet sich dann wieder seinem Ei, welches aber einfach zu salzig ist und ihn nach jedem Bissen dazu zwingt, von seinem Bier zu trinken. Er blickt auf Stella, die vor ihm den Penis von Stefan bearbeitet und auf Stella, die im Fernseher seinen Schwanz lutschte, und er blickt auf ein Schlauchboot, das im Hintergrund, ganz am Rande das Bildschirms, an ihnen vorbeifährt.
»Was war das?«, fragt Christian irritiert. Alle anderen haben nichts mitbekommen. Anna bekommt sowieso nichts mehr mit, Stefan hat die Augen zu und Stella ist gerade nicht oberhalb der Tischkante. So spult Christian zurück, zoomt heran und dann sieht man ganz scharf und in Full HD, schärfer als in der Realität, dass im Hintergrund von Stefans Penis, den er gerade aus Stella zog, ein Schlauchboot mit etwa 20 Menschen darauf an ihnen vorbei fuhr. Einfach so, mitten auf dem Meer. Christian blickt sich um, doch kann nichts erkennen.
»Denen müssen wir helfen«, schreit er.
»Die sind doch längst über alle Berge«, antwortet Stefan. Christian bricht in Panik aus und will auf die Brücke laufen, welche höher liegt und einen Rundumblick verspricht. Vielleicht kann man von dort etwas sehen. Die Treppe zur Brücke ist steil und eng, zu steil und zu eng für Christians Pegel. Er klettert nach oben, stolpert über seine Füße, fällt nach unten und bleibt bewusstlos liegen. Keiner der drei anderen hat etwas mitbekommen.

Als Christian wieder zu sich kommt, liegt er auf dem roten Sofa und Stella sitzt rauchend neben ihm.
»Wie lange war ich weg?«, fragt er. Erst denkt er, er hätte einfach zu viel getrunken, doch dann fallen ihm das Schlauchboot und die am übermäßigen Konsum von Genussmitteln gescheiterte Rettungsaktion wieder ein.
»Den halben Tag«, sagt Stella.
Tatsächlich muss Christian bei einem Blick auf sein tragbares Telefon feststellen, dass die Mittagszeit schon um ist. Er hat auf Twitter 563 Tweets verpasst und nicht mitbekommen wie sein Foto von letzter Nacht fünfmal auf Facebook weitergeteilt worden ist.

»Hast du eine Kippe für mich?«
Stella zündet sich zwei an und gibt Christian eine.
Der Rauch brennt in seiner Lunge und erinnert ihn daran, dass er noch lebt. Das ist doch was. Das ist schon mal mehr als die meisten Toten von sich behaupten können.
Langsam beginnt im Hintergrund sein Kopf zu dröhnen. Immer lauter und unangenehmer, wie ein Flugzeug im Landeanflug, werden die Schmerzen im Hinterkopf ein penetranter Beat des Lebens im Überfluss. Christian versucht sich abzulenken und unterhält sich aus Mangel an Alternativen mit Stella. Eigentlich hat er keine Lust, verkatert und angeschlagen Gespräche mit einer billigen Edelnutte zu führen, doch sie ist nun mal die einzige, die gerade da ist.
»Fahren wir nach Hause?«, fragt er.
Mit »nach Hause« meint Cristian seine Wohnung auf Zypern, die viel zu hell, viel zu groß und viel zu teuer für einen einzelnen Mann ist. Gerade fällt Christian wieder ein, dass ja eigentlich Anna noch bei ihm wohnt, doch dann denkt er daran, dass Stefan und er letzte Nacht Freundinnen getauscht hatten. Nein, das stimmt so auch nicht. Stefan hat beide gefickt. Stefan, dieses dumme Arschloch, das einfach nie genug bekommen konnte. Stefan, sein Geschäftspartner, der ihn reich gemacht hat. Den er braucht, um reich zu bleiben. Dieser Stefan durfte, wenn es darauf ankommt, auch seine Mutter ficken.
»Ne. Die beiden sind nicht ganz bei Trost, glaube ich. Sie fahren immer weiter Richtung Osten«, antwortet Stella und Christian stöhnt. Er will doch nur nach Hause, die Rollos herunterlassen und für immer schlafen. Sein Körper erschlafft beim Versuch, sich aufzurichten, und so muss er sich weiter mit Stella unterhalten, während die Yacht mit einem zugekoksten Kapitän Richtung Osten fährt. Weg von Zuhause. Im Osten gibt es doch auch nichts Neues, denkt sich Christian.

Christian fühlt sich wie in dieser Erzählung von Kafka, die er mal gelesen hat. Die Hauptfigur wachte eines Morgens auf und fühlte sich krank. Bei näherer Begutachtung stellte er aber fest, dass er sich über Nacht in einen Käfer verwandelt hatte. Christian hat sich zwar nicht in einen Käfer, aber irgendwie in einen Kater verwandelt. Der Kater nach Koks ist grausam und der Sturz auf den Hinterkopf tut sein Übriges. Kokain würde helfen, das wusste Christian, aber noch wollte er die Schmerzen aushalten, dem Leben ins Gesicht spucken und den Kater einfach nicht beachten. Christian hat die Moral von Kafkas Käfer nie verstanden. Die Verwandlung des Sohns in einen Käfer hatte Streit in der Familie zur Folge. Lügen und Intrigen führten durch den Tag helfen, bis der Käfer starb. Da wurde die Familie glücklich und machte erstmal einen Spaziergang. Was ist die Moral von der Geschichte? Bewirf einen unliebsamen Sohn so lange mit Äpfeln, bis er tot ist?
Was soll das eigentlich sein? Moral?
»Hast du Kafka gelesen?«, fragt Christian Stella. Sie lacht, zündet sich eine weitere Zigarette an und sagt: »Ich habe mal versucht, ›Amerika‹ zu lesen, habe es aber nicht fertig geschafft. Wurde mir zu verrückt.«
»Mmh«, Christian nickt zustimmend.
»Was soll man auch erwarten von einem Buch, das nicht mal der Autor für gut genug befand, es zu beenden?«
»Ich lese gerne Kurzgeschichten«, sagt Stella plötzlich.
Ach guck mal einer an, die Nutte liest, denkt sich Christian und befindet sich plötzlich in einer Diskussion über Bukowski, Kästner und Heine. Kurzgeschichten sind für Christian der Pickel am Arsch der Literatur, den niemand interessiert. Nichts weiter als Steinzeitblogger mit zu viel Zeit, aber zu wenig Talent für ein ganzes Buch. Okay, eine Diskussion über Literatur würde vielleicht seinen Kopf heilen oder ihn zumindest die Schmerzen für einen Moment vergessen lassen.
»Heine!«, brüllt Christian entsetzt, »Ich hasse Heine. Heine ist etwas, das man mit 17 lesen kann.«
»Heine«, wiederholt Christian und schüttelt den Kopf. Stella lächelt wieder. Sie hat aufgehört zu rauchen, bemerkt Christian. Jetzt, wo sie sich gut unterhalten, baumelt nicht ständig eine Kippe in ihrem Mundwinkel. Es war wohl das allgemeine Unwohlsein auf dieser von Drogen und Feiern dirigierten Bootsfahrt, welches das Nikotin für die Blutbahn forderte.
»Du hast schöne Augen.« Stella sitzt plötzlich ganz nahe bei ihm, viel näher als zuvor und zum ersten Mal fällt ihm auf ,wie wunderschön ihre Augen sind.
»Halt die Klappe«, antwortet sie und küsst ihn. Sie schmeckt nach Rauch und Champagner, nach zu wenig Schlaf und Sorgen. Sie schmeckt ganz wunderbar.

Stella und Christian kommen wieder nach oben an Deck. Sie haben sich in die Katakomben zurückgezogen und abseits von Stefans Koksschwanz ganz anderen Sex gehabt als zuvor. Enger, sinnlicher und trotzdem hart, so wie Sex sein sollte, wenn man nüchtern ist und sich versteht. Nicht wie Sex ist, wenn es nur darum geht, eine Nutte so zu ficken, dass sich die Bezahlung auch lohnt.

Stefan jedoch ist in den letzten Stunden in keinster Weise besinnlicher geworden. Gerade als Stella und Christian wieder das Deck betreten, schlägt er auf einen Fisch ein, den er offenbar mit seiner Angel aus dem Meer gezogen hat. Der Fisch liegt vor ihnen auf Deck und Stefan brüllt jedes Mal »Stirb!«, bevor er versucht, mit seiner Faust den Kopf des Fisches zu treffen. »Stirb!«, brüllt er, »Stirb!« Beim vierten Schlag trifft er endlich den Kopf des Fisches und dieser hört auf, wilde um sich zu schlagen und dabei über den Boden zu hüpfen.
»Alles klar bei euch?«, fragt Christian irritiert.
Er steht mit Stella am Rande des Geschehens und fragt sich, ob sein Kollege, Geschäftspartner und Freund jetzt komplett den Verstand verloren hat. Stefan hat seit drei Tagen nicht mehr geschlafen und ist durchgehend auf Drogen. Langsam wird es Zeit, diesen völlig wahnwitzigen Ausflug zu beenden.
»Natürlich ist alles klar. Ich habe Nahrung besorgt wie ein echter Mann«, brüllt Stefan, während der triumphierend den toten Fisch nach oben hält.

»Hey, echter Mann«, sagt Anna lachend, »du musst ihn noch ausnehmen.«
Christian ist sich sicher, dass Stefan niemals im Leben einen Fisch ausnehmen würde. Es passt nicht zu ihm, genauso wenig wie Angeln und dass er mit der blanken Faust einen Fisch verprügelt hat. Es ist der Rausch, aus dem heraus Stefan handelt, und so nimmt er tatsächlich ein Messer und schneidet dem Fisch den Bauch auf. Blut rinnt seine Hand hinunter, Eingeweide fliegen in sein Gesicht. Selten dumme Aktion, den Fisch über seinen Kopf aufzuschneiden. Doch Stefan schüttelt sich nur, lacht und springt mit Anlauf ins Wasser, um sich vom Blut zu befreien. Anna nimmt in aller Ruhe das, was von dem Fang übrig blieb, und geht damit in die Kombüse. Für Christian hat Anna nie gekocht. Stella hat während der rituellen Fischschächtung wieder begonnen, eine Zigarette nach der anderen zu rauchen und Christian selbst sehnt sich nach etwas Koks, doch wenn er Stefan so sieht, lässt er es lieber bleiben.

Stella steht wieder am Bug und blickt in die Ferne.
»Was ist das für ein Schimmern?«
»Der Sonnenuntergang?«, stellt Christian die Gegenfrage.
»Ne. Das ist Osten.«
Tatsächlich schimmert dort am Horizont etwas rot und mysteriös. Wie ein Sonnenaufgang, nur röter. Wie Blut, nur edler.
»Ist doch egal«, sagt Christian und versucht Stella zu küssen.
»Nein«, sagt Stella rabiat und wehrt ihn ab.
»Hörst du das?«, fragt sie stattdessen
»Hörst du die Knaller?«
»Wahrscheinlich ein Feuerwerk«, antwortet Christian.
»Nein.« Stella zündet sich eine Zigarette an. »Das ist Syrien.«

Nun zündet auch Christian sich eine Zigarette an.
»Hast du dir jemals überlegt, wie es ist, im Krieg zu sein?«
»Ne.« Stella blickt ihn fragend an.
»Wir sind die erste Generation, die Krieg nur aus dem Fernsehen kennt. Unsere Eltern hatten einen kalten, unsere Großeltern den größten und jede Generation davor ihren ganz eigenen. Man muss ganz anders gelebt haben in dem Wissen, jederzeit von einer Bombe erschlagen werden zu können. Jederzeit alles verlieren zu können muss einem ein ganz neues Bewusstsein für die Dinge geben, die man hat.Wir schauen Zombieserien und träumen uns in Endzeitmärchen. Wir träumen uns weg von Facebook, Twitter und karrieregeilen Mini-Zuckerbergs auf Drogen, die nur sich selbst und ihr Bankkonto im Kopf haben.« Christian blickt zu Stefan, der gerade versucht, das vom Koksen kommende Nasenbluten zu stoppen.
»Geld bietet nie Freiheit, es erschafft nur eine Illusion davon. Erst wenn alles verloren ist, kannst du wirklich frei sein.«
»Du denkst zu viel«, sagt Stella schließlich und küsst ihn vor dem roten Schimmer und im Wissen, dass das Knallen im Hintergrund die Bomben über Syrien sind. Im Wissen, dass dort Menschen getötet werden, die nichts weiter wollen als zu leben. Krieg als Daily Soap, als moralischer Anstoß für unmoralische Menschen, sich schlecht zu fühlen und den Schmerz zu betäuben wie Tierärzte Pferde: hart und schnell.

»Essen ist fertig«, stört Anna die Runde und serviert erschlagenen Fisch mit Reis. Christian muss zugeben, dass der mit Zitronenscheiben dekorierte Fisch ganz schön gut aussieht. Sowas Gutes hätte er Anna gar nicht zugetraut. Christian macht ein Foto mit seinem Handy. Ein zynischer Kommentar darunter bei Twitter, ein witziger bei Facebook und gar keiner bei Instagram. Dieses eine Mal wartet Christian nicht auf Reaktionen, sonst hätte er die Warnung »ACHTUNG, NICHT ESSEN! KUGELFISCHE!« gelesen.

Noch einige Zeit werden Berichte gepostet über den Klimawandel, der Kugelfische nach Europa treibt und über die erfolgreichen Geschäftsmänner, die so unglücklich starben. Gerüchte über Drogen wurden nie ganz zerstreut, doch nach vier Wochen starb auch Christians Pinnwand. Nur noch eine tote digitale Timeline, die existieren wird, bis die digitale Welt stirbt, weil die analoge sich endgültig zerstört hat.

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Ein Gedanke zu „Moral ist eine billige Edelnutte

  1. unnaaf sagt:

    Das Beste, was ich bisher von Dir gelesen hab. Macht Lust auf mehr.

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