Die Geschichte von Lars, Sara und der Einsamkeit

Ich hatte mir gerade eine Zigarette angezündet, als eine Bombe direkt in meinem Kopf platzte. Eine dreckige Detonation, die meine Gehirnwindungen mit nur einem Gedanken erfüllte: ›Sie ist schwanger.‹ »Hallo?«, fragte Sara von der anderen Seite des Telefons und holte mich wieder zurück in diese Welt. Zurück auf den Bahnsteig, auf dem ich stand. »Lars?«, fragte sie weiter. »Ja. Ich bin schon da«, sagte ich und bekam einen furchtbaren Hustenanfall von dem Rauch in meiner Lunge, der diese zu lange nicht verlassen hatte. Die Aussicht auf ein Baby im Bauch von Sara hatte mich vergessen lassen zu atmen. Als ich wieder zu mir kam, fragte ich sie, wo sie war. »Mitte«, antwortete sie leise. »Ich komme da hin.«

Der Bahnsteig, auf dem ich stand, war nun der falsche und so folgte ich den Rolltreppen nach unten in die Tiefen der U-Bahnstationen einer Stadt, die für ihren Dreck geliebt wurde, aber mir den letzten Nerv raubte, wenn der Gehweg wieder mit Hundescheiße überzogen war. Ich hatte nur dieses eine Paar Schuhe von Deichmann und Kacke machte sie nicht besser.
»Dat können Se aber verjessen, dass Se jetzt da mit der Kippe einsteigen« wurde ich kurz darauf angepflaumt und erst da wurde ich mir der Zigarette in meiner Hand wieder bewusst. Ich nahm noch einen Zug und warf sie in das Gleisbett, um die Bahn nach Mitte dann doch noch zu betreten.

Als ich aus dem grauen, dreckigen Beton des Untergrundes trat, hatte es begonnen zu regnen. Der Wind wehte eine Zeitung an mir vorbei und ich fragte mich, wann mein Leben denn bitte zu einem verdammten Woody-Allen-Film geworden ist. Als ich Sara traf, hatte der Regen ihre Tränen weggespült. Sie sah wunderschön aus mit den Resten von schwarzer Schminke unter ihren Augen und den roten Haaren, die in nassen Strähnen an ihrem Gesicht klebten. Ich hatte Sara nie geliebt. Zukunft war kein Wort, das Mädchen vor mir in den Mund nahmen, und trotzdem hatten wir für meine Verhältnisse ungewöhnlich viel Zeit miteinander verbracht. Ich nahm Sara in den Arm und versuchte, irgendwie eine Gelassenheit auszustrahlen, die nicht ansatzweise da war. Ich hätte auch gerne geweint, doch hatten das Leben und mein Vater mir schon vor langer Zeit beigebracht, dass Tränen nichts außer die Sicht verändern. Ich wischte ihr über das Gesicht, um die Sommersprossen auf ihrer Wange von den salzigen Tränen zu befreien, nahm sie an der Hand und sagte dabei: »Komm.«

Wir waren beide patschnass und stiefelten in unseren Sneakern mitten durch Pfützen und kleine Wasserläufe, die endlich die verdammte Hundescheiße vom Gehweg spülten. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Händchen gehalten hatte. Doch jetzt, in diesem Moment, war es genau das Richtige. Es war da etwas zwischen uns, das ich noch nie gespürt hatte: eine Traurigkeit, getragen von Zukunftsangst, von der Bürde einer Herausforderung, die man nicht lösen kann, aber muss. Wir erreichten die Wohnung von Saras Eltern und ich wich reflexartig zurück. Ich war noch nie in dieser 1500€-Mittelschichtswohnung gewesen und wollte sie auch nicht betreten. Auf Eltern konnte ich nie den Eindruck machen wie auf Töchter. Sara und ich wir trafen uns zwischen Klamottenbergen und Gras in meiner WG, in Nachtclubs oder in der Uni, die sie tatsächlich besuchte und ich nur, um etwas Bafög abzugreifen.

Der Regen drang inzwischen durch die Haut und kühlte uns aus wie schlecht ausgerüstete Polarforscher. »Du musst jetzt aufpassen«, sagte ich und schob Sara in Richtung Eingangstür. Sie gluckste daraufhin ungläubig und schüttelte den Kopf. Offenbar waren ihre Eltern nicht da. Sara murmelte etwas von verreist und ich fragte nicht nach, als sie mich durch das Treppenhaus, in dem wir eine Spur von Regenwasser zurückließen, in die Wohnung schob. Wir gingen in das Badezimmer und Sara hatte dieses verschmitzte Lächeln im Gesicht, das irgendwie mysteriös wirkte und doch so nahbar. Ich habe selten einen Mensch getroffen, der so frei von Arroganz und Vorurteilen war wie sie. Jetzt, da sie patschnass in die Dusche stieg und dort ihr Oberteil auszog, jetzt, da alles am Boden lag und sich die Trümmer vor uns stapelten, jetzt versuchte ich mich in sie zu verlieben, als letzter Ausweg, den ich sah.

»Kommst du oder was?« Sara hatte ihren BH ausgezogen, war aus ihrer Jeans geschlüpft, stand nur im String da und wartete auf mich. Wir hatten noch nie gemeinsam geduscht. Das ist eine dieser Sachen, die frisch verliebte Pärchen machen, getrieben von der Angst vor Einsamkeit. Ich zog mich aus und folgte ihr unter den Strahl von warmen Wasser, der die Haut wieder erwärmte und doch weiter verschrumpelte, wie es die Feuchtigkeit des Regenwassers schon zuvor getan hatte. Ich nahm Saras Hand in meine und begutachtete, wie die Haut sich wellte und kleine Rillen bildete. Sara schloss die Augen und führte ihre Lippen auf meine. Mein Hand fuhr über ihren Bauch, der so flach war wie immer, und doch indirekt Teil dieser Traurigkeit war, die uns hier knutschend unter die Dusche getrieben hatte. Mit der anderen Hand fuhr ich über ihre kleinen Brüste und ertastete die Härte ihrer Nippel. Ich spürte die Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen und die Lust in ihren Küssen, die so hart und fordernd waren wie mein Penis in diesem Moment. Ich packte sie an ihrem kleinem Arsch und setzte sie auf mich. Die Stöße drangen tief in sie ein und ließen den Blick von Sara geil werden. Ihr Rücken wurde an die Wand gedrückt und die Innenseite ihrer Muschi fühlte sich besser an als alles andere. In diesem Moment unter warmen Wasser waren wir wie Zwillinge im Leib einer Mutter. Menschen verschmolzen in Gemeinsamkeit.

Ich trocknete mich ab und schlüpfte in meine Boxershorts. Auf meinem T-Shirt stand »Smells like Teen Spirit«. Oh Kurt, ich glaube, wir haben ihn gerade abgewaschen, den Geruch des Geistes der Jugend. Wann ist es Zeit, erwachsen zu werden in einer Stadt, die es selbst nie wird? Es hat aufgehört zu regnen und man konnte zusehen, wie der Dampf von Bäumen, Straßen und Wiesen wieder nach oben stieg, um im ewigen Kreislauf des Lebens wieder eine Wolke zu bilden. Ich wollte nie Teil eines vorgegebenen Kreislaufs sein, doch was soll man tun, in dem Moment, in dem man merkt, dass man nur ein nutzloser Tropfen in einer Pfütze kurz vor dem Verdunsten ist? Wir saßen auf diesem riesigen Mitte-Balkon und schwiegen. Ich zündete mir eine Zigarette an und bließ den Rauch in die Luft, wo er sich so verlor wie der große Plan meines Lebens, keinen Plan zu haben. Sara griff nach der Schachtel und holte sich auch eine Kippe heraus. Ich kannte das, wenn Frauen, die sonst nur besoffen rauchen, plötzlich nüchtern zur Schachtel greifen. Dann steht ein Gespräch an, vor dem man lieber in Deckung gehen sollte.

»Ich werde abtreiben«, sagte sie mit der Gewissheit einer Entscheidung, die schon vor sehr langer Zeit getroffen worden war. Ich sagte nichts, zog nur an meiner Zigarette und starrte in die Leere einer vollen Stadt. »Wahrscheinlich vernünftig«, antwortete ich. Ich hatte nie besonders viel Verständnis für vernünftige Entscheidungen, habe ich doch selbst nie eine getroffen. »Sieh doch dein Leben mal an«, gab Sara zu Bedenken, »wie wollen wir beide denn ein Kind großziehen?« Ich schwieg wieder, getroffen von einem Messer in mein Herz, das alles, was ich war, in Frage stellte. Sara stand auf und kam mit einer Flasche Tequila wieder. Sie setzte an als wäre sie versucht, die Flasche in einem Zug zu leeren. »Wir könnten es schaffen«, sagte ich. »Nein«, antwortete Sara resolut. Ich sah an mir herunter, an meinen Tätowierungen und Narben von Rausch und Hoffnungslosigkeit, die ich trug wie einen Schutzwall der Freiheit, die ich immer propagierte. Ich hätte alles aufgeben, mein altes Fahrrad, meine kaputte WG und meinen Traum vom Leben als einer dieser Künstler dieser Stadt. »Ich werde dich unterstützen«, versprach ich und versuche meine eigenen Zweifel darüber mit Härte in der Stimme zu überspielen. »Danke.« Sara reichte mir den Tequila. Ich schnipste die Zigarettenkippe den Balkon herunter und fühlte mich verloren wie ein alter Mann, dessen Freunde alle schon vor langer Zeit gestorben waren. Ganz alleine unter vielen Millionen.

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