Rock mich durch diese Welt, Amadeus

Mein einziges Mitbringsel aus New York ist ein Spacko-Hut, eine dieser Schirmmützen, die jahrelang unmodern waren und plötzlich wieder hip werden. In diesem Jahrzehnt biegt man das Schild nicht locker aerodynamisch dem Kopf angepasst, sondern lässt den Schirm gerade vom Kopf wegstehen wie es in den 90er Jahren nur Spackos machten. Mit diesem Spacko-Hut auf dem Kopf schlenderte ich über den Times Square und erklomm das Rockefeller Center in wenigen Sekunden. Ich sah die Freiheitsstatue und aß Fast Food bei der hübschen Schwarzen mit den süßen Locken. Ich flog in den Süden und fuhr einmal quer durch Florida. Ich hatte mir einen roten Ford Mustang geliehen, öffnete das Verdeck und fuhr mit dem coolsten Blick, den ich so übrig hatte, über den Ocean Drive. Ich lag am Miami Beach und wollte mir die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, wären da nicht die Hochhäuser, welche die Sonne verdunkelten. Ich streichelte Babyalligatoren in den Everglades und fiel fast von einem Luftkissenboot. 

Ich fuhr nach Key West und fand es wunderschön. Am südlichsten Punkt des kontinentalen Nordamerikas fühlte ich mich frei und sorglos. Ich war hierher gekommen, um Ernest Hemingway irgendwie nahe zu sein, und musste feststellen, dass aus dem kleinen Säuferparadies unter der karibischen Sonne inzwischen ein Touristenmekka geworden ist. Aber das ist okay, denn schließlich bin ich auch nur ein Urlauber und mein Vorbild mit dem Mojito in der Hand war einer der ersten, der um die Welt reiste, um die Erde zu sehen. Ich kaufte mir einen Kühlschrankmagneten und zog weiter. Ich ließ die Brücken und Sümpfe im Süden Floridas hinter mir und fuhr die Golfküste entlang. Ich sah die schönsten Strände der Welt und ein Naturschauspiel, wie ich es mir schöner nicht vorstellen kann: Der Himmel färbte sich rot und ließ angesichts der drohenden Katastrophe seine Muskeln spielen. 

Hurrikan Matthew kündigte sich seit Tagen an und versetzte die sonst so positiven Amerikaner in Angst und Schrecken. Im Fernsehen sagten sie, wer die Atlantikküste nicht verlässt, wird sterben und weil ich kein besonders kluger Mensch bin, checkte ich aus und trieb den Ford Mustang vorwärts Richtung Orlando. „Good Luck“, wünschte mir die Rezeptzionistin in St. Petersburg und schüttelte den Kopf, als ich sagte, ich würde trotz der Warnungen nach Orlando fahren. Ich würde mittags in Orlando sein und vermutete einfach, dass ein Hotel aus Stein so einen Wirbelsturm schon abkönnen wird. 100 Meilen Stau bis nach Orlando. Auf der Gegenfahrbahn. Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun.

In der Nacht, als der Sturm kam, saß ich an einer Hotelbar und trank 0,2l Dosenbier für 4$. Sie hatten einen DJ besorgt und über allem lag das spanische, englische, aufgewühlte Geplapper von aufgedrehten Kindern und nervösen Eltern. Sie haben in Orlando die Harry-Potter-Welt nachgebaut und so liefen Kinder in Hogwartsumhängen durch die Lobby und versuchten, die Bedrohung da draußen auf dem Atlantik in einen Katze zu verwandeln, wie es Dumbledore vielleicht könnte. Ein Baum verlor seine faulen Äste und warf sie gegen die Glasfront. Zaubersprüche verhallten im Nichts und so machte der DJ die Musik lauter. „Ein bisschen wie auf der Titanic“, dachte ich, „die Musik spielt bis zum Schluss“. Als der Sturm lauter wurde, lief Falco. Rock mich durch diese Nacht, Amadeus. 

Wochen sind seit dem Hurrikan vergangen und längst sitze ich wieder fest im deutschen Nebel, der wirkt als wäre nichts von diesem Urlaub übrig geblieben, außer die Dementoren aus der Harry-Potter-Welt. Der Staat Florida, der mir so ans Herz gewachsen ist, hat einen Faschisten gewählt, genau wie der Rest dieses Landes, das mir gegenüber so offen und freundlich war. In Florida haben sie nach dem Sturm Pressekonferenzen auf Spanisch und Englisch gehalten, weil die Multikultur dort eine so lange Tradition hat, dass auch ein populistisches Schwein daran nichts ändern kann. Doch auch in Prag gab es mal eine tief verwurzelte deutschsprachige Gemeinde, bis ein Jahrhundertverbrecher keinen Gefallen an jüdischer Kultur und der wunderbaren Sprache Kafkas fand. 

Ich bin nur ein Mann ohne viel Hirn, der sich seine Gedanken macht. Ein Mann, der davon träumt, so gut schreiben zu können wie Hemingway und manchmal noch an die hübsche Schwarze mit den süßen Locken aus dem Burger King in Manhattan denkt. Ihr Lächeln hat mich verzaubert wie es die Kinder in Orlando versuchten. Ich mag mir nicht vorstellen, wie sie sich gefühlt haben mag, dort in New York, als Donald Trump die Wahl gewann. Ich habe gelernt, dass man manche Dinge mit überteuertem Bier und guter Musik aussitzen kann. Manche. Nicht alle. Es ist meine, deine, unsere Aufgabe, die Musik auszumachen und zu kämpfen, wenn die Welt es verlangt. Wenn die Menschheit ihr ekelhaftes Gesicht zeigt und versucht, ihre Äste abzuwerfen, die vermeintlich schlechter sind als die anderen. Wir müssen mutig genug sein, wenn der Tag kommt, an dem wir uns einem Hurrikan aus populistischer Scheiße und widerlichem Faschismus entgegenstellen müssen. Ich für meinen Teil werde dann an die hübsche Schwarze mit den Locken aus dem Burger King denken und hoffentlich wissen, für was es sich zu kämpfen lohnt. 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: