Dorfkinder

Es ist kurz nach 17:00 Uhr an einem tristen, regnerischen Tag im November. Man sieht die Sonne nicht, aber im Westen müsste sie gerade untergehen, als ich die Wohnung von Franz Josef Sonderbayer betrete. Sonderbayer zieht gerade die Rollläden nach oben und öffnet sich ein Bier. Franz Josef Sonderbayer, wahrscheinlich ein Künstlername. Wie heißt er wirklich? Die Wahrheit bleibt im Dunkeln. Seine Augen sind klein, eingefasst in große Ringe, die ihn älter wirken lassen als er ist. Er lebt nicht auf der Überholspur. Er liegt mit einem Platten auf dem Seitenstreifen, aber es läuft gute Musik und die Mädchen auf dem Rücksitz sind willig.

Wenn man in die Oberfalz fährt, kommt man an unzähligen Karpfenteichen vorbei und an Wäldern und Bergen. Hier, wo die Menschen einfach leben, wohnt der Fußabstreifer des Internets. Auf dem Weg zu ihm kam ich an großen Städten vorbei, an Berlin und Leipzig, dort, wo die Künstler wohnen. Es ist nicht weit nach München oder Regensburg. Warum zieht er nicht weg? “Das macht doch jeder.”
“Das macht doch jeder.” Nur ein Satz und doch beschreibt er das Leben des @sonderbayer. Er ist anders. Der Gegenentwurf. Er ist nicht genial. Schulversager. Kein Fußballheld. Mehrere Muskelfaserrisse noch vor der B-Jugend. Er ist kein Revolutionär. So schreibt er selbst: “Kein Rock’n’Roll, keine Revolution, Sonderbayer.” So beschreibt er sich selbst auf Twitter. Twitter. Prinz Pi sagt: “Der Club der Zyniker und Skeptiker.” Er könnte Twitterkönig sein, wäre er nicht damit beschäftigt, keinen Fick zu geben. Er wird wohl nie König, aber er ist der betrunkene Typ, der an der Bar sitzt und Wahrheiten sagt, die jeder weiß, aber niemand ausspricht.

Er ist Frauenheld, kein Hipster und kein Ultra. Er lebt einfach nur. Sonderbayer hat ein Buchgeschrieben, wie es alle Twitterer eines Tages machen. “Wollen Sie der neue Star am Twitterhimmel sein?” – “Sag nicht ‘Sie’, du Zipflklatscher”. “Sag nicht ‘Sie’, du Zipelklatscher” – Punkrock auf Oberpfälzisch.

Während unseres Gesprächs kann er nicht stillsitzen. Er spielt ständig mit einem kleinen Spielzeugauto. Ein schwarzer Porsche 911 mit kaputtem Licht. Ist es Koks oder nur Kaffee, der ihn rastlos macht? Es bleibt im Dunkeln. Franz Josef Sonderbayer ist der Gegenentwurf zum 0815-Twitterer. Er will nicht nach Berlin, hat Sex und ist trotz aller Eskapaden Nichtraucher. Er schreibt über die Dorfkinder. “Ist Ihr Buch autobiografisch?” – “Deine Mutter ist autodings.” Er ist kein Genie, aber er trägt den Wahnsinn in seinen Augen. Franz Josef Sonderbayer hinterlässt einen erstaunt. Sein Buch erscheint heute bei Amazon und ist so gut wie ein e-Book, das kein Verlag wollte, von einem Idioten, der sich selbst ironisch porträtiert, eben ist: Kein Rock’n’Roll, keine Revolution, Sonderbayer.

Zum Buch.

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